Distanz

 

Sehr oft erlebe ich, dass es Menschen gibt, die eine gewisse Distanz oder das Bedürfnis anderer danach, schlicht ignorieren. Wer im Zeitalter von Facebook, Twitter und Co. nicht gewillt ist, sein Privatleben bis ins Detail zu offenbaren, wird meist als arrogant, eingebildet und mit sonstigen Attributen betitelt, bestenfalls wird man ignoriert. Was mir persönlich sogar lieber ist. Dass man Informationen auch auf andere Weise bekommen kann, „durfte“ ich selbst erfahren.

Denn, auch ich gehöre zu den sogenannten Verweigerern. Ich habe weder einen Account in einem dieser „sozialen“ Netzwerke, noch gebe ich Menschen, die allzu Neugierig sind, Auskunft über mich und mein Leben. Wem ich was erzähle bestimme ich, das habe ich schon immer so gehalten und werde es auch in Zukunft tun. Das ich eine eigene Website habe, ist für mich schon beinahe ein Quantensprung, auch wenn ich selbst schreibe und somit entscheide was öffentlich gemacht wird. Es hat mich schon Überwindung gekostet mich öffentlich zu machen. Inzwischen ist die Website zu einem Herzensprojekt geworden, genauso wie meine Arbeit mit Therapeutic Touch.

Das es Menschen gibt, die ein natürliches Gespür für Distanz haben, konnte ich bei meinem 2 wöchigen Urlaub im Allgäu erleben. Es war in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen, die entweder in Wohngruppen oder in einer Wohnung mit ambulanter Betreuung leben. Eine junge Frau, sollte in eine der Wohngruppen einziehen. Bisher wurde sie von ihrer Mutter betreut und versorgt. Bevor es zu einem Einzug kommt, gibt es Gespräche, Besuche und ein Probewohnen, so können sich alle Beteiligten langsam daran gewöhnen. Trotzdem gibt es immer wieder Tränen und Kämpfe. So auch an diesem Tag, als die jungen Frau einziehen sollte. Sie weigerte sich strikt aus dem Auto auszusteigen, schlug die Tür zu und weinte. Alle Versuche seitens der Mutter und Erzieher sie zum Aussteigen zu bewegen schlugen fehl. Was ich dann beobachten konnte, fasziniert mich noch immer. Es kam eine Bewohnerin zu dem Auto und sprach mit der Frau. Es war rührend zu sehen, wie sie dabei Distanz bewahrte, spürte und respektierte das es diese unsichtbare Grenze gibt. Nach und nach kamen die anderen Bewohner- und Bewohnerinnen, luden die Frau ein, Erzieher und die Mutter blieben erst noch Beobachter.

Sprachen von kleinen Pausen unterbrochen immer wieder mit der Frau. Irgendwann gelang es ihnen, sie zum Aussteigen zu bewegen, um gemeinsam in die Wohngruppe zu gehen. Später saß sie mit ihrer Mutter im Garten, herzzerreißend weinen. Es ging mir durch Mark und Bein.

Was mich an Menschen mit Behinderung beeindruckt, ist ihre Offenheit, Ehrlichkeit und ihr untrügliches Gespür. Das habe ich schon oft erlebt. Sie stellen ganz unverblümt Fragen und akzeptieren gleichzeitig, wenn man keine Antwort geben will. Sie merken sehr schnell wer ehrlich ist, wer ein Problem mit Behinderten hat und sagen es ganz unverblümt. Das ist für so manchen „Normalo“ schwer zu verdauen.

Es waren zwei Wochen, in denen ich meinen Seelen- und Herzschmerz heilen konnte und durfte. Wo ich Akzeptanz, Respekt und Distanz erleben durfte, die ich in meinem Alltag so oft vermisse. Es hat mir unglaublich gut getan, in einer ruhigen und zugleich wunderschönen Umgebung wieder zu mir zu kommen, mich von so manchem zu verabschieden und eine sehr schmerzliche Erkenntnis anzunehmen und zu akzeptieren.

So kann ich mich gestärkt und bestärkt den Aufgaben widmen, die auf mich zukommen.

 

Ein ganz besonderer Dank geht an meine wunderbare Tochter, die mit ihrer Sicht auf bestimmte Dinge für viel Klarheit gesorgt hat. Danke dafür. Danke auch an alle anderen, für Euer Verständnis und das ich wieder lachen kann.